Digital-analoges Tanzspektakel macht Stadthalle zur „Virtual Reality Box“

Die Geräuschkulisse eines Bahnhofs bildete den Auftakt der Rahmenhandlung zur Tanzshow „Black Out“ der 2009 von Florian alias „Flow“ Berger gegründeten Wiener „Flowmotion Dance Company“: Drei Tänzerinnen (Maria Gabler, Clarijana Cee und Katharina Steiner) und drei Tänzer (Flow Berger, Thomas Johannsson, Thomas Leopold) treffen sich als Reisende auf dem Bahnsteig eines U-Bahnhofs und vertreiben sich die Zeit mit Tanz. Wie Koffer und ein Buch in den Tanz eingebunden und zu Jonglage-Objekten werden, vermittelt einen ersten Eindruck der tänzerischen Perfektion des Ensembles. Dann kommunizeren die Reisenden mit ihren Smartphones, agieren mit binären Ziffern und Lichtflächen, die auf die Bühnenleinwand projeziert werden. Ein Strom-Ausfall („Black Out“) führt dazu, dass die Reisenden sich ihrer Mitreisenden bewusst werden und plötzlich gezwungen sind, miteinander zu kommunizieren und zu agieren. In wechselnden Farben leuchtende Lichtstäbe werden zu Objekten und Bildern zusammengesetzt: Ein Vogel, ein Einhorn,eine Taschenlampe, ein Baum, ein Drachen – schließlich eine Rakete für eine virtuelle Reise ins All. Das anfänglich schwarz-weiße Hintergrundbild füllt sich allmählich mit Farbe, endet mit einem Kosmos aus bunten und bewegten Bildern, in den sich die Tänzerinnen und Tänzer nahtlos einfügen.

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Verschiedene Tanzstile treffen aufeinander: Breakdance, moderner Ausdruckstanz, Akrobatik und Klassisches Ballett vereinigen sich zu einem bunten Kaleidoskop, bei dem die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer mit den Videoprojektionen auf der Bühnenleinwand verschmelzen. Ensembledarbietungen wechseln mit Soli und Paaren. In beeindruckender Synchronität zu Musik- und Lichteffekten agieren die sechs Darsteller mit atemberaubender Körperbeherrschung. Dann wechselt die Szenerie mit ihrer energiegeladenen Musik in ein stilles Schattentheater, bei dem der Tanz auf der Bühne auf der Leinwand eine zweite Handlung entstehen lässt – ruhige Show-Passagen als Ausdruck eines Inneren Friedens. Dann geht es energiegeladen weiter: Die Projektionsfläche wird entfernt und öffnet eine dreidimensionale Virtual Reality-Box: Die Akteure bewegen sich in einem offenen Würfel, auf dessen Innenwände Bilder und Videos projeziert werden. Maria Gabler wird zur Solistin im virtuellen Wohnzimmer und beginnt eine Reise, die nach einem Run über Wolken und durch einen Urwald in einer 20minütigen Pause endet.

Nach der Pause schlüpft Flow Berger in die Titelrolle des „Dark Dancer“, zeigt die Ausweglosigkeit der Gefangenschaft in einer digitalen Welt: Auf Schattentanz folgt ein moderner Pas-de-Deux, bei dem Berger und Gabler auf Hoverboards fahren und das Publikum mit anmutiger und dynamischer Balance begeistern. Dann entführen die Tänzer mit Pantomimischen Szenen in die Welt der Computerspiele: Pacman, Tetris und Super-Mario werden getanzt zelebriert, wobei die sich bewegenden Bildelemente auf von den Tänzerinnen und Tänzern gehaltene und bewegte Projektionsflächen projeziert werden. Es folgen Ninja-Kämpfe vor einer Computerspiel-Kulisse, bei denen sich Katharina Steiner und Thomas Leopold als Martial-Arts-Gegner gegenüberstehen. Die Szene wechselt in eine Streetfight-Kulisse – es wird deutlich, dass der Kämpfer nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden kann. Der Kämpfer wird vom ruhmreichen Sieger zum verabscheuten Verbrecher. Die Flucht in den Alkohol lässt ihn schließlich zusammenbrechen, und mit ihm bricht die virtuelle Welt zusammen, in die er sich geflüchtet hatte. Nach dem Zusammenbruch finden sich die Tänzerinnen in einem farbenfrohen Paradiesgarten und begeben sich auf eine Traumreise, die dort endet, wo die Rahmenhandlung begonnen hat: Auf dem Bahnsteig der U-Bahn, auf dem die Wartenden nun nicht mehr isoliert nebeneinander, sondern miteinander agieren und sich als Menschen gegenseitig wahrnehmen.

Die Vorstellung in Balingen war der 19. und letzte Tourneetermin der Show, die das Ensemble u. a. in die Schweiz, ins Ruhrgebiet, nach Berlin, Leipzig und Stuttgart geführt hatte. Nach der Vorstellung zeigte sich Stadthallen-Geschäftsführer Matthias Klein beeindruckt vom enormen technischen Aufwand, mit dem die Produktion verwirklicht wird: Die Projektoren, Scheinwerfer und Lautsprecher, die in der Halle und auf der Bühne verteilt sind, wurden während der Show von einem vierköpfigen Technik-Team bedient, und durch die Scheinwerfer im Saal wurde der Zuschauerraum zu einem Teil der Bühne. Den Balingern wurde eine absolut sehenswerte Produktion mit zahlreichen Highlights geboten, bei der die Tänzerinnen und Tänzer sowie Produktionsassistentin Anne-Marie Ludwig ihre Begeisterung für das Projekt spürbar werden ließen. Die international besetzte Company – die Künstler stammen u. a. aus Deutschland, Österreich, aus der Schweiz und aus Schweden und wurden u. a. in den U.S.A. ausgebildet – begeisterte durch die bunte Mischung unterschiedlicher Charaktéren und Tanzstile, die allesamt auf hohem künstlerischen Nieveau ausgeführt wurden und atemberaubende Eindrücke hinterließen.

Thomas Meinert